VEREIN GEDENKSTÄTTE KZ ENGERHAFE E.V.

 

 
  
     Engerhafe und Totenzettel  -  Aquarell und Collage  -  Herbert Müller

Brockzetel in Europa. Vortrag im Europahaus, Aurich, 26.01.2013


Meine Damen und Herren,

Ich gehöre zu den zweifellos ganz wenigen, die Brockzetel, diese winzige Ortschaft in Ostfriesland, spontan assoziieren mit Brüssel, der ungekrönten Hauptstadt Europas. Aus welchem Grund? Die Bedeutung des Ortsnamens Brockzetel ist Bruch-siedlung, das heißt Siedlung im Sumpf. Die älteste Namensform von Brüssel ist Broek-sella und das bedeutet ebenfalls Bruch-siedlung. Brüssel heißt also auf plattdeutsch Brockzetel!

Auf das Wort 'Bruch' stoßen wir auch im Namen Brookmerland, wortwörtlich Bruch-land oder Bruchmänner-land. Deswegen erinnert der Name Brockzetel mich auch an Brookmerland. Bei diesem Brookmerland handelt es sich bei mir nicht um die heutige Samtgemeinde dieses Namens, sondern um die mittelalterliche freie Landesgemeinde Brookmerland. Auch die Ortschaft Brockzetel gehörte zu diesem Brookmerland. Das spätmittelalterliche Brookmerland ist für mich als Spezialist des altfriesischen Rechts, der altfriesischen Sprache und der mittelalterlichen Geschichte Frieslands eine Art Walhalla.

Denn ist nicht der Brookmerbrief, das mittelalterliche Landrecht der Brookmänner, die eindrucksvollste Kodifizierung des Rechts der freien Friesen? Gehört seine Sprache nicht zum reinsten Altfriesisch, das auf uns gekommen ist? Sammelten sich nicht einmal im Brookmerland, und zwar am Upstalsboom, die freien Friesen aus allen Landschaften? Ja, auch aus meiner Heimat, Westfriesland. Und wurde nicht der Upstalsboom von Ubbo Emmius, dem größten der ostfriesischen Historiker, zugleich der ersten Magnifizenz der Universität Groningen, meiner Universität, als der Altar der Freiheit gepriesen? Brookmerland heißt nicht nur Bruch-land, nein, für mich heißt es auch Freiheits-land.

Leider erinnert der Name Brockzetel mich doch vor allem an ein schreckliches Lager, ein Lager, in das etwa 400 Niederländer verschleppt wurden, die dort gelitten haben, von denen dort mehrere ums Leben gekommen sind. Zu diesen Niederländern gehörte auch der jüngere Bruder meines Vaters, mein Onkel also. Er hat es überlebt, aber alt is er nicht geworden.

Noch keine vier Wochen, vom 11. März bis zum 6. April 1945, waren die 400 Niederländer im Lager Brockzetel interniert. Das reichte jedoch um Brockzetel zu wandeln in einen Ort des Schreckens. Jeder wird verstehen, wie erschütternd es für mich persönlich war, feststellen zu müssen, dass mein Onkel und viele seiner Landsleute gerade im Brookmerland, einmal Inbegriff der Freiheit, der friesischen Freiheit, gelitten hatten. In Unfreiheit.

Ich fasse die Geschichte des Lagers kurz zusammen. Das Lager Brockzetel war nicht, wie Auschwitz, ein Vernichtungslager. Es war auch nicht, wie das Lager Engerhafe, ein Außenkommando des KZ Neuengamme. Es war eine Art Nebenlager des Lagers Schwarzer Weg in Wilhelmshaven, ein Straflager für politische Häftlinge aus den nördlichen Provinzen der Niederlande, die in Wilhelmshaven als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Wie im Mutterlager lag auch im Lager Brockzetel die Versorgung der Häftlinge bei der OT, der Bautruppe des national-sozialistischen Regimes. Die Bewachung war einem Wachkommando des Volkssturms aus dem Kreis Wittmund übertragen. Den Namen des Lagerführers kennen wir nicht mal. Den Kompanieführer der Wachmannschaft kennen wir jedoch um so besser: ein Lehrer aus Moorweg bei Esens namens Fooke Gerdes.

Hauptaufgabe der niederländischen Zwangsarbeiter war Schutträumarbeit auf dem Fliegerhorst Wittmundhafen, dem Militärflugplatz in der Nähe von Ardorf. Während dieser Arbeit wurde am 21. März, bei einem schweren Bombenangriff, der Fliegerhorst völlig zerstört. Wieviele Niederländer sind dabei umgekommen? Wir wissen es nicht. Nur einen Namen kennen wir: Jan Veldkamp, Sohn eines reformierten Pfarrers aus Sneek, Westfriesland. Erst vor einigen Jahren wurde mir klar, dass während der Zeit, dass ich, noch als Student, Geschichtsunterricht an einer Oberschule in Groningen gab, Jans Bruder ein Kollege von mir war. Am gleichen Tag, also am 21. März, wurden noch zwei weitere Niederländer getötet, nicht auf dem Fliegerhorst, sondern während ihren Einsatzes bei einem Bauernhof in Ardorf, der während des Bombenangriffes in Brand geschossen war.

Im Lager Brockzetel wurden die Häftlinge nicht, wie im Straflager Schwarzer Weg in Wilhelmshaven öfter geschah, geprügelt. Katastrophal waren hier vor allem die Lebensbedingungen, insbesondere die hygienischen Zustände und die fehlende Krankenversorgung. Noch schlimmer als in Wilhelmshaven war die Ungezieferplage. Trinkwasser gab es im Lager nicht. Es kam auch vor, dass die Häftlinge kein Brot erhielten (sonst war die Ration: 200 Gramm pro Tag). Abends, nach Rückkehr von der schweren Arbeit, gab es nur sogenannte Bunkersuppe, das ist die dünnste Suppe, die man sich vorstellen kann. So scharf war der Hunger, dass einige der Häftlinge, die am Tag des großen Bombenangriffes bei den brennenden Bauernhöfen eingesetzt wurden, das Fleisch von verbrannten Kühen aßen.

Viele wurden schwer krank. Insbesondere grassierte die Ruhr. Die Erkränkten wurden in die Krankenbaracke verlegt, aber die war so schmutzig, dass die Kranken versuchten, solange wie irgend möglich draußen zu bleiben. Der einzige Arzt, den es im Lager gab, auch ein Häftling, war völlig machtlos.

Mehrere Häftlinge erlagen. Wir wissen genau wieviele: acht. Sieben von ihnen wurden von ihren Lagerkameraden auf dem kleinen Friedhof von Brockzetel beigesetzt. Der achte starb am 4. April, spät am Abend. Am 6. April, früh am Morgen, wurde das Lager geräumt. Der Fliegerhorst war aufgrund des Bombenangriffes, der den Flugbetrieb unmöglich gemacht hatte, unbrauchbar geworden und somit wurden die Häftlinge nach Wilhelmshaven zurückbefordert. Unter diesen Umständen gab der Lagerführer keine Zustimmung für eine Beerdi¬gung. Der letzte Tote des Lagers wurde am Lagergelände verscharrt, ohne jegliche Markierung. Sein Name war Gerrit Egberts, Landarbeiter, Vater von drei Kindern (ein viertes wurde nachher noch geboren).

Und jetzt das erschütterndste Ereignis. Dabei handelt es sich um den 22.jährigen Tischler Jan Vellinga aus Franeker, Westfriesland. Er war verhaftet worden, da er einen Baum an einem öffentlichen Wege gefällt hatte. Er wollte den Baum zum Brennholz benutzen, weil seine Mutter, eine arme Witwe, im kalten Winter kein Heizmaterial mehr hatte. Jan Vellinga schaffte es, während der Arbeit davonzulaufen. Er sah jedoch am selben Tag schon kein Heil mehr in der Fortsetzung seiner Flucht und versuchte abends im Dunkeln heimlich wieder ins Lager zu kommen. Er wurde dann von einem Wachmann aufgegriffen und in den Strafbunker versperrt.

Es gab häufig Fluchtversuche, nicht nur während der Arbeit außerhalb des Lagers, aber auch aus dem Lager, weil der Stacheldrahtzaun an einigen Stellen kaputt war und die Mittel fehlten, ihn zu reparieren. Jan Vellinga wurde aus dem Strafbunker herausgeholt und an der Stelle, an der er gefasst worden war, erschossen. Sein Leichnam ließ man im Stacheldraht hängen. Am folgenden Morgen wurde Appell gehalten. Die Gefangenen wurden dabei angesichts ihres toten Kameraden vor weiteren Fluchtversuchen gewarnt. Auch die Leiche von Jan Vellinga wurde verscharrt, und zwar auf der Stelle, wo er im Stacheldraht gehängt hatte.

Im Jahre 1951 kam es hier in Aurich wegen der Erschießung von Jan Vellinga zu einem Prozeß gegen Fooke Gerdes, den Kompanieführer der Wachmannschaft. Im Zuge der Voruntersuchungen wurden die sterblichen Überreste Vellingas ausgegraben. Allerdings wurde Fooke Gerdes mangels Beweises freigesprochen. 37 Jahre später, also 1988, kam ich nach Aurich um im Staatsarchiv die Akten des Prozesses gegen Fooke Gerdes zu studieren. Sie enthielten unter anderen eine Skizze des Lagers. Ich mietete ein Fahrrad und fuhr dann nach Brock¬zetel um den Ort des Lagers aufzusuchen. Was ich fand, war ein Wäldchen, ohne jeglichen Spur des ehemaligen Lagers, das bereits Ende 1945 abgerissen worden war. Auskünfte der örtlichen Bevölkerung erhielt ich nicht.

Kurz nach der Veröffentlichung meines kleinen Buches zur Geschichte der Lager Schwarzer Weg und Brockzetel i.J. 1990 wurden die ehemaligen niederländischen Häftlinge und ihre Angehörigen von den Städten Wilhelmshaven und Aurich zu einem Besuch eingeladen. Etwa 200 Personen nahmen die Einladung an. Es wurde uns dann klar, dass man seitens der Stadt Aurich damals doch etwas zweifelte. Man wusste Bescheid über Engerhafe. Aber hatte es auch in Brockzetel ein Lager gegeben? Keiner wusste davon.

Nachher verschwand jedoch jeder Zweifel. Am Anti-Kriegstag 1995, d.h. am 1. September, wurde sogar an der Ringstraße in Brockzetel eine würdige Gedenkstätte eingeweiht, und zwar ungefähr an der Stelle, wo Jan Vellinga erschossen und verscharrt worden war. Wir kamen dann auf Einladung der Stadt Aurich und des Europahauses zum zweiten Mal nach Aurich/Brockzetel. Wir übernachteten hier im Europahaus. Hier fand auch eine Begegnung statt mit der Jugend von Aurich, der die Gelegenheit geboten wurde, mit den ehemaligen Häftlingen und ihren Angehörigen ins Gespräch zu kommen. Seitdem kommen wir jedes Jahr zur Kranzniederlegung nach Brockzetel. Anschließend besuchen wir das Europahaus, das für uns ein festes Ziel geworden ist und wo wir uns zu Hause fühlen.

Wir haben in Aurich viele Freunde gewonnen. Der erste war Enno Schmidt, der zunächst vermittelnd auftrat und sich weiterhin verdient machte mit weiteren Nachforschungen zur Geschichte und genauen Gestaltung des Lagers. Johannes Diekhoff hat sich 1995 sehr bemüht um die Gestaltung des Gedenksteins und die Einladung der ehemaligen Häftlinge. Michael Stanke, derzeit Pastor von Wiesens, hat in Zusammenarbeit mit Enno Schmidt eine Suche nach den sterblichen Überrresten von Gerrit Egberts organisiert, eine Suche, die leider vergebens war. Pastor Stanke hat uns auch mal mit offenen Armen in seiner Kirchengemeinde empfangen. Auch bei der Kirchengemeinde von Ardorf waren wir zu Gast. Wir waren sehr beeindruckt vom Altarbild des Künstlers Hermann Buss in der Dorfkirche. Johannes Diekhoff hat mich in Verbindung gebracht mit Udo Rolf Gerdes, Sohn des Fooke Gerdes, nachdem einer der Gefangenen ausgesagt hatte, dass nicht Fooke Gerdes, sondern sein Stellvertreter den tödlichen Schuss auf Jan Vellinga abgegeben hatte. Es handelte sich also um eine Entlastung von Mordvorwurf. Mehr und mehr wurde mir klar, welche Tragik mit der Person Gerdes, wohlbemerkt einem Pazifisten, verbunden war.

Heute (eigentlich morgen) ist der Internationale Holocaust Gedenktag. Wir gedenken der grausamen Verbrechen, die in den KZ's stattgefunden haben. Vergessen wir jedoch niemals, dass auch in zahllosen weniger bekannten Lagern schwer gelitten wurde. Eines jener Lager war das lange völlig vergessene Lager Brockzetel. Heute können wir sagen, dass die traurigen Ereignisse, die kurz vor Kriegsende in Brockzetel stattgefunden haben, letztendlich doch auch Gutes gebracht haben. Bei jedem Besuch war die Rede von Versöhnung, von gegenseitiger Verständigung von Deutschen und Niederländern. Sagen wir jetzt, dass wir in den Geschehnissen der dunklen Vergangenheit auch einen Auftrag zur gemeinsamen friedlichen Gestaltung der Zukunft sehen. Eine Zukunft in einem demokratischen Europa!


Oebele Vries

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